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Finanz-Kurier

Christian Wulff, Bundespräsident a.D. Gastredner beim Wirtschaftsforum der Volksbank Kur- und Rheinpfalz

Kein Anlaß zur Sorge vor Apokalypse - Herausforderungen für Deutschland 2018

Speyer. Christian Wulff betonte, wie sehr er sich darüber freue, wieder einmal in der wunderschönen Domstadt Speyer zu sein. Mittlerweile sei für einige Menschen schon Urlaub, wenn sie einmal zwei Wochen ohne Handy und Nachrichten seien. Im 21. Jahrhundert hätte sich so viel geändert wie in den 20.000 Jahren zuvor nicht. Besonders die letzten zehn Jahre sei der Einfluss der Menschen immens gestiegen. Es ist wirklich erst zehn Jahre her, dass Facebook und Twitter auf den Markt gekommen seien – und unglaublich sei es, dass ein Unternehmen wie Uber, das keine materiellen Güter vorweisen kann, einen größeren Börsenwert als BMW hat. Neue Technologien sorgen für eine Weltunordnung – Egoismus, Protektionismus, Angst und Hass nehmen zu. Die Menschen sind verunsichert – dafür gibt es mehrere Gründe.

  1. Weltweiter Terror – in vielen Ländern der Erde verüben Terroristen Anschläge – in Berlin auf dem Weihnachtsmarkt, in Norwegen auf Utoya, in Nizza und vielen anderen Orten. Unsere Gesellschaft ist von innen bedroht – die Terroristen rekrutieren den Nachwuchs aus denen, die sich ausgegrenzt fühlen oder ausgegrenzt werden. Die Menschen müssen sich in Acht nehmen vor der Angst und hüten vor dem Hass. Deutschland als Land der Aufklärung sollte Vorbild sein für die Welt und ein gutes Miteinander vorleben. Die Mitte muss gestärkt werden und Extreme dürfen sich nicht weiter ausbreiten. Es kann nicht sein, dass 2,3 Milliarden Christen und 1,9 Milliarden Muslime gegeneinander leben statt miteinander. 

  2. Missbrauch im Rahmen der Globalisierung – Menschen sind wütend und enttäuscht, weil sie sehen, wie durch Steuerflucht in jedem Jahr 240 Milliarden Dollar der Allgemeinheit verloren gehen. Und immer wieder gehen neue Skandale durch die Presse – die Panama Papers, die Paradise Papers – es entsteht das Gefühl, dass Anstand und Haltung abhandengekommen sind. 

  3. Digitalisierung – seit Martin Luther das Neue Testament in Deutsche übersetzt hat und der Buchdruck revolutioniert wurde, gab es keine so großen Umbrüche mehr. Heute kann jeder seine Meinung sofort und ungefiltert in die Welt posten – egal wie kontrovers diese ist. Es bilden sich Netzwerke  von Gleichgesinnten, die sich ohne Digitalisierung nie getroffen hätten. Das hat natürlich auch positive Effekte, die nicht übersehen werden dürfen. Menschen auf der ganzen Welt können miteinander kommunizieren; allerdings darf dabei Toleranz und Menschlichkeit nicht verloren gehen. So gehe es teilweise nicht mehr um Wissen, sondern um Besserwissen – wenn alles hinterfragt wird, ändert sich eine Gesellschaft. Unsere Demokratie wird im Moment von allen Seiten angegriffen. Wir dürfen nicht vergessen, dass es erst seit 27 Jahren heißt: Einigkeit und Recht und Freiheit… Auch in Speyer mit einigen der  ältesten jüdischen Gräbern der Welt muss darauf geachtet werden, dass sich kein Nationalsozialismus entwickelt. Und wäre Steve Jobs Vater, ein syrischer Einwanderer nicht nach Amerika, sondern nach Speyer ausgewandert, wäre Apple vielleicht hier gegründet worden. Wären in der deutschen Nationalmannschaft nur Spieler mit den Vornamen Peter, Jürgen oder Karl gewesen, wären wir wahrscheinlich nicht Weltmeister geworden – es brauchte auch Spieler wie Özil, Boateng, Mustafi und andere. Helene Fischer, die Retterin des deutschen Schlagers, wurde in Krasnojarsk in der  Sowjetunion geboren. Wir leben in einer gesegneten Zeit – in den Mitgliedstaaten der EU gibt es seit 70 Jahren keinen Krieg mehr. Nun aber haben wir Putin, Trump, die Briten wollen den Brexit und in Afrika warten viele darauf, auch nach Europa zu kommen. Als Hoffnungsschimmer gibt es Macron, der eine große Chance für Europa ist. Allerdings muss die Einwanderung gesteuert werden. Obama sprach in seiner Rede in Hannover davon, dass es ein „Volk von Europa“ gebe - geeint in der Vielfalt.

Die Deutschen können ab Frankfurt ohne Visum  in 168 Länder der Erde fliegen und sind gern gesehene Gäste – auch, weil sie immer wieder nach Deutschland zurückkehren. Der Exportüberschuss in Deutschland beträgt 320 Milliarden €! Die Kraft der Provinz ist ein deutscher Standortvorteil – Pfälzer und Badener sind in der ganzen Welt zu Hause. Wer sich für andere einsetzt, lebt länger und ist glücklicher – allerdings ist es ein Merkmal der Deutschen, immer etwas unzufrieden zu sein.

Der Mittelstand hat Schwierigkeiten, Fachkräfte zu finden; es muss schon in der Schule angesetzt werden, um hier Abhilfe zu schaffen. Niemand darf verloren gehen und die Integration junger Leute ist eines der wichtigsten Kriterien. Auch in Zukunft sollen Pflegekräfte aus Fleisch und Blut ihre bedürftigen Mitmenschen pflegen – keiner möchte, dass diese Tätigkeit von Robotern ausgeführt wird. Tiefe zwischenmenschliche Beziehungen sind existenziell und mit Geld nicht zu bezahlen und wenig erfreut einen so sehr, wie die unerwartete freundliche Geste eines Fremden. Wir haben nur das eine Deutschland – es ist unser Land. Und es ändert sich erst etwas, wenn man etwas tut! Junge Menschen sollten dazu angehalten werden, sich zu engagieren.

Eine engagierte, spannende, aber auch nachdenklich stimmende Rede des ehemaligen Bundespräsidenten, der sich nun noch die Zeit nahm in einer Gesprächsrunde Fragen zu beantworten.

Christian Wulff stellte sein Honorar für diesen Abend in voller Höhe dem Judo-Sportverein Speyer 1959 e.V zur Verfügung. Der 1. Vorsitzende Michael Görgen-Sprau nahm hocherfreut die 6.000 € entgegen. Christian Wulff war vor einigen Jahren Gast in diesem Verein und wusste noch, dass dort viel für Inklusion, Integration und Jugendförderung getan wird. Es werden unter anderem auch Hausaufgabenbetreuung, Freizeiten und vieles andere angeboten. Eine gute Investition.

Vorstandssprecher Rudolf Müller bedankte sich bei dem prominenten Gast, wie es sich in der Pfalz gehört, mit Wein - in diesem Falle mit Grauburgunder.

Zuvor lag es an dem Gastgeber Rudolf Müller das Wirtschaftsforum 2017 der Volksbank Kur- und Rheinpfalz in der Stadthalle vor über 700 Gästen zu eröffnen.

Wir schauen mit Zuversicht in die nächsten Jahre

Rudolf Müller, Vorstandssprecher der Volksbank Kur- und Rheinpfalz stellte nach einem Blick in den Saal fest, dass es auch in diesem Jahr wieder gelungen sei, einen Gastredner zu finden, den das Publikum hören möchte. In diesem Jahr gab es sogar eine Liveübertragung in den kleinen Saal, weil nicht alle Besucher im großen Saal Platz fanden. Allerdings sei er es gewohnt, in einen gut gefüllten Saal zu schauen. Das Wirtschaftsforum sei ein wichtiger Ort zum Austauschen und informieren – auf gut Deutsch zum Netzwerken. Es würden Gemeinsamkeiten geschaffen und wer nicht dabei sei, hätte etwas falsch gemacht. Insgesamt sei man mit den Zahlen für 2017 nicht ganz unzufrieden. Bei einem Umsatz von 3,4 Milliarden und einem Kreditneugeschäft von 600 Millionen ist ein stetiger Anstieg zu verzeichnen. Auch die Kundeneinlagen sind um fünf Prozent gestiegen, so dass ein sehr guter Jahresabschluss zu erwarten ist. Wie immer kommen aber neue Herausforderungen auf die Bank zu:

  1. Die Wettbewerbsintensität nimmt zu. Durch das Internet kann der Kunde sich weltweit eine Bank suchen – und es ist viel Liquidität im System, die einen Hafen suchen.

  2. Die von Mario Draghi initiierte Niedrigzinsphase hält schon lange an und es ist auch kein Ende abzusehen. Seine Amtszeit endet am 31. Oktober 2019 und als möglicher Nachfolger ist der Deutsche Jens Weidmann im Gespräch, der eine andere Politik fahren wird.

  3. Die Regulatorik – so muss die Volksbank jeden Kreditnehmer ab 25.000 € an die EZB melden – das Schlagwort dazu heißt AnaCredit. Allein dadurch entstehen Kosten von fast einer Million im Jahr.

  4. Die Digitalisierung – eine große Herausforderung, aber auch eine große Chance

Alles in allem hat die Volksbank ein wunderbares Geschäftsgebiet, ein tolles Team und startet mit Zuversicht in die nächsten Jahre. Er schloss mit den besten Wünschen für eine schöne Adventszeit, friedliche Weihnachten und ein erfolgreiches und gesundes Neues Jahr 2018.  

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