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Finanz-Kurier

Zwischen Dom und Gedächtniskirche

Die Reformation in Speyer und ihre Folgen

Martin Luther, Karl Bauer (1868 - 1942). Farbdruck, o. D. [1900-1916]. Zentralarchiv der Evangelischen Kirche der Pfalz Martin Luther hält die Bibel mit festem Griff vor sein Herz und fasst den Betrachter scharf ins Auge, als wolle er die Erben der Reformation prüfen, ob sie seines Werkes auch würdig seien, und sie zur Nachfolge mahnen. Das Bild von Luther als dem Gelehrten, dem Bibelübersetzer, dem Kämpfer für die Sache protestantischer Freiheit, wie Bauer es im Vorfeld des 400. Jubiläums der Reformation im Jahre 1917 und in erkennbarer Anlehnung an Cranachdarstellungen entwarf, fand fast inflationäre Verbreitung und wurde in der Folgezeit zur Vorlage für andere Künstler.

Speyer. Eine sehr interessante Ausstellung wurde vor wenigen Tagen in der Hauptstelle der Volksbank Kur- und Rheinpfalz eröffnet, die noch bis zum 07. Dezember während der Öffnungszeiten zu sehen sein wird. Wenn Sie also in der Bahnhofstrasse unterwegs sind, nehmen Sie sich die Zeit, diese sehenswerte Ausstellung zu besuchen.

Volksbank Regionaldirektor Andreas Kabs begrüßte die zahlreich erschienenen Besucher, auch im Namen des Vorstandsprechers Rudolf Müller. Ein besonderer Gruß galt Dr. Gabriele Stüber vom Zentralarchiv der Evangelischen Kirche der Pfalz, ebenso wie den den Vertretern der evangelischen Landeskirche, der an der Ausstellung mitwirkenden Archiven und Museen. Die Ausstellung, so Andreas Kabs, präsentiert in Momentaufnahmen markante Stationen der drei Konfessionen in Speyer vom Beginn der Reformation bis in die Gegenwart.

Als Vertreterin der Stadt fand es Bürgermeisterin Monika Kabs bemerkenswert, das die Volksbank Kur- und Rheinpfalz bereits zum zweiten Mal einer Ausstellung zum Thema Reformation in ihren Räumen Platz bietet. In ihrer Rede wies Monika Kabs auf die verschiedensten Veranstaltungen anlässlich 500 Jahre Reformation in Speyer hin. "Martin Luthers Thesenanschlag in Wittenberg hat in Speyer einiges in Bewegung gesetzt, wie es sich für eine "europäische Stadt der Reformation und den Schauplatz des berühmten Protestationsreichtages 1529 gehört", so die Bürgermeisterin. Ihr Dank galt allen, die bei der Vorbereitung und Durchführung dieser institutionsübergreifenden Ausstellung mitgewirkt haben. Den Mitarbeitern des Bistumsarchivs und Bibliothek St. German, der Bibliothek und Medienzentrale der Evangelischen Kirche der Pfalz und dem Zentralarchiv der Evangelischen Landeskirche der Pfalz sowie dem Landesarchiv der Pfälzischen Landesbibliothek und natürlich dem Stadtarchiv Speyer.

Dr. Gabriele Stüber führte nun die Gäste mit einer sehr interessanten und kurzweiligen Rede in die Ausstellung ein.

Diese Rede hat Dr. Stüber dem SPEYER-KURIER zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt; was wir hiermit sehr gerne tun.

Einführung in die Ausstellung bei der Volksbank Speyer, von Dr. Gabriele Stüber, am 26.10.2017

Sehr geehrte Frau Bürgermeisterin Kabs, sehr geehrter Herr Direktor Kabs, sehr geehrte Frau Schilpp, sehr geehrte Damen und Herren, ich freue mich, Ihnen eine kurze Einführung in die Ausstellung zu geben, die wir heute gemeinsam eröffnen. Lassen Sie mich mit einem Dank an die Leitung des Hauses der Volksbank Kur- und Rheinpfalz beginnen.

Wir verdanken Ihnen die Möglichkeit, die Ausstellung hier zu zeigen. Wir verdanken Ihnen auch die Herausforderung, eine Ausstellung in diesen besonderen Räumlichkeiten zu zeigen, Räumlichkeiten, die man gemeinhin nicht mit Ausstellungen verbindet. Schließlich werden hier Geld- und Immobiliengeschäfte getätigt. Die Volksbank hat aber eine Ausstellungstradition in ihrer Dialogzone, die sie regelmäßig - und nun auch der Reformation und ihren Folgen in Speyer - gastlich zur Verfügung stellt.

Wir hatten im Vorfeld miteinander zu tun, insbesondere Frau Schilpp und ich, und daher danke ich zunächst Frau Schilpp für die freundliche Begleitung in einem nicht leichten Vorhaben: Es galt etwa 600 Jahre Speyerer Stadtkirchengeschichte auf einem recht überschaubaren Raum anzuordnen. Diese Geschichte verdichtet sich in 45 Objekten, zum Teil sind das Originale, zum Teil Reproduktionen, die gut präsentiert sein wollen.

Dank der kreativen Unterstützung der Volksbank und natürlich unserer eigenen Kreativität haben wir die Herausforderung nicht nur angenommen, sondern unter den vorliegenden Voraussetzungen auch gut bewältigt.

Worum geht es in der Ausstellung?

Die Reformation am 31. Oktober 1517 in Wittenberg verbinden wir gemeinhin mit der Publikation der Thesen von Martin Luther gegen den Ablasshandel seiner Zeit. In das allgemeine Bildgedächtnis hat sich der Thesenanschlag an die Schloßkirche von Wittenberg bei vielen Menschen eingegraben, auch wenn er, wie Forschungen ergeben haben, so wohl dann doch nicht stattgefunden hat.

Doch das Bild von Luther mit dem Hammer, der die Thesen an die Tür schlägt, ist so schön griffig. Daher finden wir es nicht nur auf vielen Darstellungen aus Luthers Leben, sondern etwa auch in einem Fensterbild der Gedächtniskirche. Und natürlich diente es als Motiv für unser Ausstellungsplakat und die Einladungskarte. Vielleicht haben manche von Ihnen es wiedererkannt.

Aber am 31. Oktober 1517 wurde ja nicht einfach ein Schalter umgelegt und das damalige Deutsche Reich in katholisch und evangelisch geteilt. Wir haben es mit einem langen Prozess zu tun, der immer wieder auch zu blutigen Auseinandersetzungen führte, vor allem dann im Dreißigjährigen Krieg 1618 bis 1648, der auch die Pfalz verwüstete.

Aber wie war das mit der Reformation in Speyer? Hier gab es keinen spektakulären Thesenanschlag. Doch die Auswirkungen der kirchenpolitischen Ereignisse schlugen sich hier spätestens 1526 und 1529 nieder. Denn die Reichsstadt Speyer war in diesen Jahren Schauplatz zweier wichtiger Reichstage. 1526 und 1529 kamen hier die Großen des Reiches zusammen, um über wichtige Fragen Beschlüsse herbeizuführen. Dazu gehörte auch die Frage, wie man es mit der evangelischen Lehre und mit Martin Luther halten wolle. 1529 sprach sich die Reichstagsmehrheit dafür aus, Luther zu ächten und die Ausübung der neuen Lehre zu verbieten.

Fünf Fürsten und 14 Freie Reichsstädte machten von ihrem Recht Gebrauch, in Glaubens- und Gewissensfragen nicht der Mehrheit zu folgen. Sie legten eine Protestation ein. Dieser Begriff aus dem Reichsrecht wurde schnell auf die kleine Gruppe der Abweichler übertragen. Sie wurden als Protestanten bezeichnet, ja verunglimpft. Aber letztlich erwies sich die Berufung der Minderheit auf die Gewissensfreiheit als die Geburtsstunde des Protestantismus.

Und Speyer? Und die Pfalz überhaupt? Tja - weder die Reichsstadt Speyer noch eines der vielen Gebietsteile der damaligen Pfalz gehörten zu den Unterzeichnern der Protestation. Wir dürfen nicht vergessen: Als Reichsstadt unterstand Speyer direkt dem Kaiser, und dieser war gegen Luthers Lehre, weil er die Einheit und die Ordnung des Reiches und den Reichsfrieden dadurch gefährdet sah. Speyer war so wichtig, dass hier zeitweise der Sitz des Reichskammergerichts war, wovon auch die Einträge in Kirchenbüchern zeugen.

Aber: Auch in Speyer gewann die Reformation allmählich Gestalt.

1529 nämlich predigten der Pfarrer von St. Ägidien, Anton Eberhard, und der Augustinerprior Michael Diller evangelisch. Was bedeutet das? In Kurzform: sie legten das Bibelwort in deutscher Sprache für Laien verständlich aus. Eberhard und Diller wurden vom Speyerer Magistrat - und das ist wichtig - als Prediger anerkannt.

Es dauerte dann aber noch bis 1540, dass Michael Diller offiziell vom Stadtrat zum evangelischen Pfarrer in Speyer berufen wurde. Nun bildete sich in Speyer allmählich eine lutherische Gemeinde. Etwa 1570 entstand in Speyer unter Einfluss von Kurfürst Friedrich III. auch eine reformierte Gemeinde. Und so haben wir drei Konfessionen in Speyer: katholisch, lutherisch, reformiert. Und das bleibt dann auch bis zur Union von Lutheranern und Reformierten im Jahre 1818 so. 1567 kommt es zu einer Niederlassung der Jesuiten in Speyer, also - wir rechnen mit - haben wir in diesem Jahr auch 450 Jahre Jesuiten in Speyer. Das Friedrich-Spee-Haus, das Sie alle kennen, ist nach einem bedeutenden Vertreter der Jesuiten benannt.

Alle diese Ereignisse, Namen und Daten sind für Menschen, die sich nicht ständig mit Geschichte befassen, zunächst ziemlich unübersichtlich. Deshalb haben wir Ihnen eine Übersicht mit wesentlichen Informationen zusammengestellt. Wenn Sie etwas wissen möchten, schauen Sie hinein. Auf sechs Seiten und in einem kühnen Bogen finden Sie wichtige Ereignisse aufgelistet: von der Grundsteinlegung des Kaiserdoms um 1030 bis zum ökumenischen Buß- und Versöhnungsgottesdienst im März 2017. Der fand zwar nicht in Speyer, sondern in der Otterberger Abteikirche statt. Aber weil mit Bischof Karl-Heinz Wiesemann und Kirchenpräsident Christian Schad die obersten Repräsentationen von Bistum und Landeskirche dort zum ökumenischen Miteinander aufriefen, ist das ein Meilenstein in unserer gemeinsamen Geschichte.

Und damit ist auch schon ein wichtiges Stichwort gegeben: Ökumene. Aus dem Gegen- und Nebeneinander der christlichen Konfessionen in Speyer ist spätestens seit den 1970er Jahren ein ökumenisches Miteinander geworden. Wir sind gemeinsam auf dem Weg, und auch das dokumentiert die Ausstellung.

Wenn etwa die Stadt Speyer im pfälzischen Erbfolgekrieg 1689 durch französische Truppen verwüstet wird, dann teilen die Menschen aller Konfessionen das gleiche Schicksal. Beide Konfessionen bangen um ihre Kirchen bzw. bauen sie wieder auf. 1798 im Zuge der französischen Besetzung müssen katholische wie protestantische Gemeinden ihre Kirchenbücher an die Bürgermeisterämter abgeben, weil die Daten dort benötigt werden. Staatliche Register in dieser verdichteten Form gab es damals noch nicht.

Aber wer sind diese Menschen in Speyer? Jetzt müssen einige Zahlen sein: 1815 leben in Speyer 5827 Menschen. Gut die Hälfte davon (52,4%) sind lutherisch, 14,1% reformiert, ein gutes Drittel (31,2%) katholisch. 1,9% sind Juden, und es gibt 24 Mennoniten.

Als die Pfalz 1816 bayerisch wird, entsteht in Speyer ein protestantisches Konsistorium für den bayerischen Rheinkreis. Das Bistum erhält 1817 ganz neue Grenzen und schließt ein Konkordat mit Bayern. Seit 1816/17 haben Bistum und Landeskirche den gleichen Gebietsumfang - das ist in Deutschland einmalig. Haben Sie übrigens mitgerechnet oder erinnern Sie sich: Im Juni des Jahres begingen wir hier in Speyer 200 Jahre Neugründung des Bistums Speyer, noch ein Jubiläum 2017!

Wir präsentieren Ihnen markante Stationen der gemeinsamen Stadtkirchengeschichte in Momentaufnahmen. Sie werden Bekanntes und hoffentlich auch weniger Bekanntes finden, Objekte aus Archiven und Bibliotheken. Und das ist ein weiteres Novum: Vier Speyerer Archive und drei Bibliotheken haben sich zusammengefunden, um diese Geschichte in Dokumenten und Objekten vor Augen zu führen. Ich stehe hier stellvertretend für sie und danke allen, die dazu beigetragen haben, dass wir Ihnen heute die "Reformation in Speyer und ihre Folgen" präsentieren können. Besonders danke ich Frau Fromm vom Stadtarchiv Speyer und Herrn Dr. Pohl von der Bibliothek St. German.

Herr Dr. Pohl hat durch minutiöse maßstabsgerechte Vorbereitung das Meisterstück vollbracht, Objekte in 14 Vitrinen und auf 10 Stellwänden zu platzieren. Was am grünen Tisch gelang, haben wir dann hier vor Ort umgesetzt, klingt einfach, war aber ... bisweilen schwierig. Diese Kooperation ist ein kollegialer Meilenstein im Kulturbereich unserer Häuser.

Schließlich gibt es noch etwas für Sie zum Mitnehmen: Flugblätter. Flugblätter sind ein wichtiges Medium der Reformation. Durch den Buchdruck verbreitet sich nicht nur Luthers Lehre sehr schnell, auch die Gegenreformation nutzt dieses Medium. Wir haben daher einige der gezeigten Objekte für Sie als Flugblatt gedruckt, das Sie mitnehmen und wie auch immer verwenden können: als Notizzettel, als Lesezeichen, als Erinnerung. Nach 500 Jahren nutzen wir diese Flugblätter aber nicht als Propaganda, sondern zur Eigenwerbung für unsere Häuser. Sie finden - ganz zeitgemäß - einen QR-Code, der Sie direkt auf die jeweilige Homepage der Einrichtung bringt, aus der das Objekt stammt. Sie können sich natürlich auch ganz herkömmlich über die Motive freuen, die wir Ihnen da mit auf den Weg geben.

Zwei Hinweise müssen in diesen randvollen Tagen im Umfeld des Reformationsgedenkens noch folgen:

-Morgen um 18.00 Uhr wird in der Heiliggeistkirche die Festschrift "300 Jahre Dreifaltigkeitskirche Speyer" vorgestellt. Einladungen finden Sie vorne im Eingangsbereich.

-Und ein Plakat im Eingangsbereich weist auf die Ausstellung "Lutherbilder aus sechs Jahrhunderten" hin, die Sie in der Gedächtniskirche besuchen können. Den Katalog zur Ausstellung haben wir heute für Sie hier, er kostet 12,00 € - das war der Werbeblock.

Und jetzt wünsche ich Ihnen auch im Namen aller Kolleginnen und Kollegen aus den Speyerer Archiven und Bibliotheken viele Impulse bei der Zeitreise durch die Speyer Stadtkirchengeschichte. Für Fragen stehen wir alle gern zur Verfügung. Danke.

Fotos Ausstellung: pem; Foto Martin Luther: Zentralarchiv der Evangelischen Kirche der Pfalz

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