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Buch-Kurier

„Die Poesie des Domes und die Dom-Poesie“

Gedichtsammlung: Wilhelm Molitors „Domlieder“ liegen in einer Neuauflage vor

Speyer. Die „Domlieder“, die berühmte Gedichtsammlung des Speyerer Domkapitulars Wilhelm Molitor, liegt wieder vor: Neunzig Jahre nach der bislang letzten Auflage ist sie Anfang Dezember in neuer ansprechender Form – mit 16 Bildbeigaben – in der Schriftenreihe des Diözesan-Archivs Speyer erschienen. Herausgeber Bernhard Adamy präsentiert zudem sämtliche späteren Dom-Gedichte Molitors. In kurzen Kommentaren erläutert er heute nicht mehr geläufige Begriffe und Zusammenhänge.

Wilhelm Molitor (1819-1880), als Jurist, Theologe, Domkapitular, Schriftsteller und Dichter im 19. Jahrhundert einer der prominentesten Repräsentanten der katholischen Kirche im Bistum Speyer, wurde mit den „Domliedern“ schon als junger Mann, noch vor seiner Priesterlaufbahn, bekannt. Die „Domlieder“ sind die ersten „modernen“ Gedichte über den Speyerer Kaiser- und Mariendom. Sie bilden die erste und einzige Anthologie von Dom-Poesie – und sie blieben, von einigen wenigen Gedichten anderer Dichter abgesehen, die besten Gedichte dieses Genres. 76 Poeme fassen den Dom und seine Stadt, das mittelalterliche und das Speyer des 19. Jahrhunderts, sowie die jahreszeitliche Landschaft ins Auge. Sie beleuchten die Architektur der Kathedrale und bringen sie als Gotteshaus in Verbindung mit den in ihr gefeierten christlichen Festen.

Der Herausgeber stellt die „Domlieder“ in einem umfangreichen essayistischen Kommentar in ihren kultur- und literaturgeschichtlichen Zusammenhang. Adamy, Germanist und Historiker, interpretiert einige Gedichte und schlägt schließlich den Bogen zu Molitors späterer andersartiger Dom-Lyrik, die einen stärker zeitgeschichtlichen Akzent hat. Vor allem der politische romantisch-nationalkonservativ-kirchenfromme Hintergrund dieser weltanschaulich ambivalenten, vielschichtigen Dichtung wird differenziert dargestellt. So präsentiert sich –  auch am Beispiel einiger bedeutender Dom-Gedichte anderer Autoren (darunter Stefan George und der spätere Bischof und Kardinal Johannes von Geissel) – „die Poesie des Domes und die Dom-Poesie“ über Molitor hinaus im Spiegel der gesamten Speyerer Dom-Dichtung des 19. und 20. Jahrhunderts.

Adamy versteht die Neuauflage der „Domlieder“ als Teil eines Versuchs, Molitors Werk und Persönlichkeit dem Vergessen zu entreißen. 2015 veröffentlichte er einen ausführlichen Aufsatz über Molitor in der Festschrift der Bibliothek St. German; zum 200. Geburtstag des Domkapitulars im August 2019 wird eine Monografie folgen. Molitors Wirksamkeit als entschiedener Anwalt einer streitbaren Kirche und als Ultramontaner im Kulturkampf beeinflusste sein wissenschaftliches und künstlerisches Schaffen. Er trat mit kirchengeschichtlichen Abhandlungen ebenso hervor wie mit Gedichten, Romanen, Novellen, Theaterstücken und Prosa. Seine bekannteste Dichtung aber sind die „Domlieder“, das einzige Werk Molitors, das sich auch heute noch mit seinem Namen verbindet.

Buchtipp: Wilhelm Molitor, Domlieder. Vierte erweiterte und kommentierte Auflage, herausgegeben von Bernhard Adamy (Schriften des Diözesan-Archivs Speyer, Band 52), Pilger-Verlag Speyer, ISBN 978-3-946777-06-9, 19,80 Euro. Erhältlich im Buchhandel. Text und Foto: is